Aargau: Überschwemmungen nach Unwetter

09. August 2007

Überflutete Quartiere, überschwemmte Keller und Strassen: Der Rekordregen in der Nacht auf Donnerstag hat im Kanton Aargau vor allem entlang der Aare erhebliche Schäden angerichtet. Besonders kritisch wurde die Lage in Döttingen, wo ein Damm brach.

Um 9.50 Uhr heulten in Döttingen, Kleindöttingen und Klingnau die Sirenen. Mit dem Wasseralarm wurde die Bevölkerung vor dem drohenden Hochwasser gewarnt. Zunächst ergoss sich die Aare über den Damm vor der Aarebrücke in Döttingen. Später wurde der Damm an der gleichen Stelle von den Wassermassen durchbrochen.

Rund 50 Personen im Gefahrengebiet mussten evakuiert sowie ein Einkaufszentrum geschlossen werden. Überschwemmt wurde ein Gebiet von rund 12 Aren. Nach Angaben des kantonalen Führungsstabes konnten weitere Überschwemmungen in Döttingen dank eines sofort erstellten Sicherungsdammes verhindert werden.

Aarauer Schachen überschwemmt

Auch im Aarauer Schachen trat die Aare über die Ufer und überschwemmte flussnahe Gebiete. Wegen der gewaltigen Fluten musste kurz nach 8 Uhr das Wasserkraftwerk Rüchling stillgelegt und die Belegschaft evakuiert werden. Ebenfalls geschlossen wurde das Schwimmbad, nachdem Wasser in die Technikräume eingedrungen war.

Betroffen vom Aare-Hochwasser war auch das Festgelände des kommenden Eidg. Schwing- und Älplerfestes im Schachen. Wegen des stark durchnässten Bodens wurden die Aufbauarbeiten in der Arena unterbrochen. Das Leichtathletikstadion und die Pferederennbahn standen zeitweilig rund einen Meter unter Wasser.

Schäden an Kraftwerken

In Brugg wurde um 12 Uhr eine Hochwasserspitze von 1384 Kubikmeter pro Sekunde registriert - ein Wert, der nach Angaben der Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) bis heute noch nie gemessen wurde. Der Alarmwert liegt bei 1050 Kubikmeter pro Sekunde. Der unbewohnte Brugger Schachen wurde von der Aare überschwemmt.

Laut NOK wurden die Kraftwerke an der Aare durch Baumstämme in Mitleidenschaft gezogen. Im Kraftwerk Rupperswil-Auenstein wurden eine Rechenreinigungsmaschine sowie einzelne Wehrteile beschädigt. Die Turbinen arbeiteten wegen des hohen Unterwassserpegels nur mit reduzierter Leistung.

Im Rheinfelden hatten die Behörden bereits am frühen Morgen die Sperrung der alten Rheinbrücke angeordnet. Gegen Mittag erreichte der Rhein eine Hochwasserspitze von 3950 Kubikmeter pro Sekunde. Die Alarmgrenze von 3200 Kubikmeter pro Sekunde wurde deutlich überschritten.

In der Region Wiggertal stieg die Abflussmenge bereits um Mitternacht auf 1250 Kubikmeter pro Sekunde. Damit sei die Rekordmarke aus dem Jahre 1972 um rund einen halben Meter übertroffen worden, teilte die Gemeinde Aarburg mit.

Das Wasser ergoss sich in Keller, auf Strassen, durch Wohnungen und in Gärten. Die historische Badi sei meterhoch überflutet worden, hiess es in der Mitteilung. Noch am Mittwochabend hatte die Einsatzleitung entschieden, den vom Hochwasser der Wigger überschwemmten Campingsplatz zu evakuieren.

Weniger Wasser in der Reuss

Glimpflich davon kam das Reusstal. Die Reuss führte deutlich weniger Wasser als beim Hochwasser vor zwei Jahren. Zudem wurde gemäss dem kantonalen Führungsstab weniger Holz angeschwemmt.

Bereits am frühen Morgen hatten die Zürcher Behörden den Abfluss aus dem Zürichsee gedrosselt. Diese Massnahme habe sich positiv auf den Pegelstand der Aare ausgewirkt, sagte Christine Stählin, Sprecherin des Führungsstabes.

Wegen der Hochwasser mussten mehrere Brücken für den Verkehr gesperrt werden. Tangiert vom Hochwasser waren auch die Wynen- und Suhrentalbahn (WSB) und die Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDWM). Die Strecken Hirschthal-Schöftland und Wohlen-Bremgarten waren während Stunden unterbrochen. Es mussten Ersatzbusse eingesetzt werden.

Im ganzen Kantonsgebiet waren während der Nacht und am Donnerstagmorgen rund 100 Feuerwehren mit gegen 4000 Helfern im Einsatz. Dazu wurden auch Zivilschutzeinheiten aufgeboten.

Besonders gefragt waren Sandsäcke. Der Krisenstab liess die beiden Sandsack-Abfüllanlagen des Kantons in Betrieb nehmen. Bis Donnerstagmittag wurden rund 30 000 Sandsäcke an die Gemeinden abgegeben.

400 Schadenmeldungen

Bei der Aargauischen Gebäudeversicherung wurden rund 400 Schadenmeldungen registriert. Die Schadensumme sei noch nicht abschätzbar, sagte der stellvertretende Abteilungsleiter Peter Schiller. Erfahrungsgemäss müsse bei Schadenereignissen in dieser Grössenordnung von 3,5 Mio. Franken ausgegangen werden.

Im Verlaufe des Donnerstages entspannte sich die Situation an den meisten Flüssen und Bächen zusehends. Die Wasserstände waren nach Angaben des kantonalen Führungsstabes am Abend zwar in Aare und Rhein «weiter auf hohem Niveau, aber tendenziell abnehmend».