Dübendorf: 120 Rettungskräfte proben den Ernstfall

16. November 2010

Bericht: Tagesanzeiger

Ein Unfall auf der neuen Linie 12 der Glattalbahn zwischen Bahnhof Stettbach und dem Flughafen hätte weit herum Auswirkungen. Die Übungsanlage: Wegen Glatteis erfasst ein Tanklaster drei Menschen. Danach kollidiert er mit der Glattalbahn.

Dübendorf – Es ist eisig kalt und stockfinster an diesem Novemberabend. Soeben verlässt die Glattalbahn die Haltestelle Giessen im Niemandsland der Dübendorfer Industrie. Sie befährt die neue Linie 12 in Richtung Flughafen Kloten. Dann, kurz nach der Chriesbachbrücke, rutscht ein Tanklaster vor die herannahende Glattalbahn. Weil der Lastwagen auf der eisigen Fahrbahn nicht mehr bremsen konnte, hat er drei Männer erfasst und auf die Schienen mitgeschleift. Dadurch geraten sie unter die Komposition der Glattalbahn, die trotz einer Vollbremsung eine Kollision nicht verhindern kann. Der Heizöltransporter wird einige Meter mitgerissen, der Anhänger kippt zur Seite und wird aufgeschlitzt. Öl läuft aus.

Als eine Doppelpatrouille und die Feuerwehr Dübendorf eintreffen, stossen sie auf zwei Tote, mehrere Schwerverletzte und Heizöl, das in den Chriesbach läuft. Kurz, nachdem sich die Rettungskräfte ein Bild vom Unfall gemacht haben, hört man Sirenen: Ein beeindruckender Korso an Blaulichtfahrzeugen fährt ein. Bald wimmelt es von Polizisten, Feuerwehrmännern und Sanitätern auf der Unfallstelle. Mit dabei: die Stützpunkt-feuerwehren Wallisellen und Kloten sowie die Ortsfeuerwehr Dübendorf. Rund 120 Männer sind vor Ort. Sie alle nehmen an der Einsatzübung «Chriesbach 10» teil. Keiner kannte das Szenario im Voraus.

Öl fliesst in die Glatt

«Als Erstes muss der Schadensplatz eingerichtet werden», sagt Bruno Keller, Einsatzleiter und Chef Regionalpolizei. Die Schwierigkeit eines solchen schwerwiegenden Unfalls liege darin, die Chaosphase so kurz wie möglich zu halten. «Die verschiedenen Organisationen müssen raschmöglichst im Gleichschritt zusammenarbeiten.» Das scheint zu funktionieren: Während die Feuerwehrleute die Verletzten bergen, sperrt die Polizei die Unfallstelle ab und leitet den Verkehr um. Der Einsatzleiter der Verkehrsbetriebe Glattal organisiert einen Ersatzbus. Derweil richten die Sanitäter ein Verwundetennest ein und behandeln die Verletzten vor Ort. Für die Unverletzten und die Medien wird eine Sammelstelle eingerichtet. Polizei und Feuerwehr stellen mobile Leitstellen auf. Dort kommen regelmässig die Bereichsleiter zum Rapport zusammen, um sich Überblick zu verschaffen und die nächsten Schritte zu besprechen.

Am Rapport wird klar, dass neben den Verletzten ein weiterer Punkt prioritär behandelt werden muss: die Fliessgewässer. 250 Liter Heizöl fliessen Minute für Minute aus dem kaputten Anhänger durch den Chriesbach in die nahe Glatt. «Weil nicht klar ist, wo sich zurzeit das Öl befindet, haben wir neben der Ölsperre im Hagenholz auch die Sperre in Hochfelden in Betrieb genommen», sagt Andreas Meyer, Pikettdienstleiter des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel). Er ist einer der externen Fachleute, die zur Übung beigezogen wurden. Ein Staatsanwalt gibt an, dass er den Fahrtenschreiber des Lastwagens benötigt und veranlasst, dem Chauffeur eine Urinprobe zu entnehmen. Weiter wird besprochen, wer die Angehörigen der Toten benachrichtigt. «Unfallszenario und Druck sollen so realistisch wie möglich sein», sagt Ueli Zoelly von der Kantonspolizei. Hintergrund der Übung ist die Inbetriebnahme der dritten Etappe der Glattalbahn am 12. Dezember. Dann fährt erstmals ein Tram über die Stadtgrenze hinaus, in das Gebiet der Kantonspolizei. Eine Übung in diesem Ausmass werde ungefähr einmal jährlich durchgeführt. Die Kosten teilen sich die teilnehmenden Organisationen. Diese befinden sich laut Zoelly im «kleinen Rahmen».

Nach zwei Stunden zieht Einsatzleiter Bruno Keller Bilanz: «Die Übung hat gezeigt, dass wir auf Katastrophen vorbereitet sind. Die Beteiligten kennen ihre Aufgaben und Zuständigkeiten.»